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Nationalpark für Entdecker (Mai 2010) Drucken E-Mail

Ritter ohne Furcht und Tadel

In der Reihe "Nationalpark für Entdecker" stellt die Nationalparkverwaltung
Ihnen diesmal eine Tiergruppe des Wattenmeeres vor, die nicht nur wegen
Ihres Mutes, sondern auch wegen ihres extravaganten Äußeren Beachtung
verdient.

Ob mitwachsend und mobil, fest gewachsen oder nur gemietet; mit ihren
gepanzerten Körpern sind sie wohl die ritterlichsten Erscheinungen in der
Tierwelt des Wattenmeeres: die Krebse.
Garnele, Strandfloh, Seepocke oder Hummer; Krebse gehören zu einer enorm
vielfältigen Tiergruppe. Das zeigt sich allein schon bei Art, Entstehung
oder Form des Panzers. Denn nicht alle Krebse haben das Glück, gleich mit
einem Panzer auf die Welt zu kommen, wie dies bei der Strandkrabbe, dem
Taschenkrebs oder dem Hummer der Fall ist. Hier wächst die Ritterrüstung
nicht nur mit, sondern sie ist so konstruiert, dass das Tier beweglich
bleibt. Anders verhält es sich bei Arten wie der Seepocke und der
Entenmuschel, beide gehören zu den Rankenfußkrebsen. Sie zementieren sich
für immer und ewig mit ihrem Kopf an einem harten Untergrund fest. Und zwar
so fest, das selbst der stärkste Epoxidharz - Klebstoff um ein Mehrfaches in
der Wirkung übertroffen wird. So trotzen sie Brandung und Gezeiten.
Arten wie der Einsiedlerkrebs dagegen müssen sich die Ritterrüstung erst
mühsam "ersuchen". Sie stecken ihre ungeschützten Weichteile in passende
leerstehende Schneckenhäuser, die sie im Laufe ihres Lebens aber häufiger
wechseln müssen, wenn sie ihnen zu klein werden.
Aber nicht nur das Äußere der Krebse erinnert an Ritter, auch die eine oder
andere Verhaltensweise lässt Vergleiche mit dem Rittertum zu. Denken wir nur
an die Strandkrabbe. Wie ein gepanzerter Recke wandert sie behäbig im Watt
hin und her. Droht überraschend Gefahr, zeigt sie wahrlich ritterliche
Tugenden. Sei der Feind auch noch so groß, sie streckt ihm drohend ihre
Scherenfüße entgegen und schlägt sie kräftig zusammen und so auch manchen
Feind in die Flucht.
Ritterliche Tugenden gegenüber der Damenwelt beweist der Taschenkrebs. Die
"Verlobung" beim Taschenkrebspaar findet - wie es sich schickt - vor der
Häutung des Weibchens statt. Das Männchen umklammert dann seine Braut und
schützt sie so lange, bis ihr Panzer ausgehärtet ist. Ein echter Kavalier!
Der Schlickkrebs ist der Minnesänger unter den Krebstieren. Es herrscht
schon Festivalatmosphäre, wenn bis zu 100.000 Tiere, die auf einem
Quadratmeter Wattboden leben können, durch das Zerplatzen eines kleinen,
zwischen den Fühlern gespannten Wasserhäutchens das berühmte Wattknistern
erklingen lassen.
Was aussieht wie ein Burgfräulein, das von den Zinnen seiner Feste
herunterfächert, ist in Wirklichkeit - wie wir noch sehen werden - ein
echter Kerl: die Seepocke. Wir kennen sie meist nur als weiße Knubbel auf
anderen Krebsen, Muschelschalen oder Schiffsrümpfen. Aber bei
Wasserbedeckung strecken sie ihre Beine aus dem Gehäuse, die zu
fächerförmigen Rankenfüßen umgebildet und mit feinen Borsten besetzt sind.
Kleine Nahrungspartikel bleiben in der durch die vielen Borsten gebildeten
Fangreuse mit einer "Maschenweite" von weniger als 0,03 mm hängen und werden
durch das Schlagen der Beine direkt zum Mund gestrudelt. Wie in einer
uneinnehmbaren Burg wird der Weichkörper der Seepocke von sechs kleinen
Kalkplättchen umgeben. Die einzige Öffnung ist durch zwei Paar
Verschlussdeckelchen vor Austrocknung und Feinden gesichert.
Doch nun zum Thema Seepocke und Männlichkeit: Die noch schwimmfähigen
Seepockenlarven bevorzugen zur Ansiedlung Stellen, wo schon Artgenossen
wohnen. Das hat einen besonderen Grund, denn zur Fortpflanzung dürfen diese
nicht weiter entfernt sein, als der Penis lang ist. Und der erreicht
immerhin doppelte Körperlänge, was mehr als bei jedem anderen Tier der Welt
ist. Und damit die Vermehrung auf jeden Fall klappt, sind Seepocken Zwitter,
so dass Nachbarpocken sich gegenseitig befruchten und beide Eier legen
können.
Wir hoffen, dass wir "eine Lanze brechen konnten" für die faszinierende und
oft verkannte Tiergruppe der Krebse, die aufgrund ihrer Vielfalt und ihres
Individuenreichtums eine ganz entscheidende Rolle für das Leben und
Überleben im Nationalpark spielt.
Ihre Nationalparkverwaltung